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16. März 2017

Keine Sorge - Selbstfürsorge!


Okay, der Titel ist von einem alten Werbeslogan einer Versicherung in abgewandelter Form geklaut. Aber ich glaube, Selbstfürsorge ist das beste, was man für sich tun kann, das wichtigste Hobby der Welt! Ein Weg, den es geradezu RADIKAL zu folgen gilt.

Wenn man wie ich ein einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen ist, weil beide Elternteile selbst eine schwierige Kindheit hatten, dann lernst Du ganz früh, dass es am besten ist, sich möglichst unauffällig zu verhalten, stets angepaßt und brav sein. Du stellst fest, dass Du Zuspruch erntest, wenn Du konform bist und gute Leistungen heimbringst. Du wirst nicht geliebt, weil Du einfach da bist, sondern weil Du es Dir erst verdienen mußt. Wenn Du dann auch noch mit Hochsensibilität gestraft gesegnet bist, kann ich Dir eins versprechen: Du bist komplett im Arsch!

Deine Strategien, um in einem lieblosen Umfeld zu überleben, haben als Kind einigermaßen funktioniert. Als Erwachsener sind sie das größte Hindernis, das Du Dir nur vorstellen kannst.

Ich habe mich neulich an eine Begebenheit aus meiner Grundschulzeit erinnert. Ein Mädel hatte einen neuen Anorak und wollte von den anderen wissen, wie er gefalle. Ich wußte ja nicht, wie es ist, eine eigene Meinung zu haben (das könnte ja gefährlich sein!) und gleichzeitig wollte ich ja unbedingt gemocht werden (bitte, bitte, hab mich lieb). Also hat die kleine Sofaheldin erstmal zögerlich abgewartet, wie die anderen die neue Anorak-Errungenschaft bewerten - und ist voll damit aufgeflogen: "Du kannst schon sagen, wie Du ihn findest!" meinte ein cleverer Naseweis (aus vermutlich funktionierendem Elternhause). Oooooh. War mir gar nicht so bewußt. Ich hab mich geschämt.

Das ist das Schlimme, was passiert, wenn ein Kind emotional vernachlässigt wurde. Es wird größte Schwierigkeiten haben, eine eigene Identität zu entwickeln. Es ist wie eine leere Hülle, das den anderen spiegelt, was sie hören und sehen wollen, um von ihnen gemocht zu werden. Es hat es nicht anders gelernt. Es ist ein Schutzmechanismus. Denn es wäre vernichtend, nicht anerkannt, gemocht und verstanden zu werden - oder gar "erkannt" zu werden, dass sich hinter der angepaßten Maske ein gefühlt nichtsnutziges Elend verbirgt.

Gottseidank habe ich in all den Jahren immer mehr gelernt, zu mir selbst zu stehen. Manchmal schwächle ich noch an gewissen Punkten, aber grundsätzlich kämpfe ich immer mehr darum, meine Bedürfnisse anzuerkennen. Auch wenn diese nicht "gesellschaftskonform" oder "Mainstream" sind. Ansonsten würde ich immer noch acht Stunden im Büro sitzen und den Wunscherfüller für einen narzißtischen Chef spielen.

Seine eigenen Bedürfnisse anzuerkennen, die eigene Persönlichkeit entdecken und schätzen zu lernen, auch wenn sie nicht der Wunsch-Identität entspricht, die wir gerne hätten oder manchmal nach Außen tragen - das ist elementar!

Was passiert denn, wenn ich überangepaßt bin, es den anderen recht mache, um im Gegenzug dafür Anerkennung, Bewunderung oder Zuneigung zu erhalten? Es ist FAKE. Es ist ein ganz übler Betrug. Ein doppelter Betrug: Auf der einen Seite ein zerstörerischer Selbstbetrug (der sich auf Dauer eh nicht aufrecht erhalten läßt) und auf der anderen Seite ein manipulativer Betrug des Gegenübers. Ich mache mich damit abhängig von dem Wohlwollen der anderen, ich schöpfe keine Kraft aus mir selbst - und wenn ich im Stich gelassen werde, bleibe ich als leere Hülle zurück. Ein Nichts. Ein trauriges, einsames, unerfülltes, leeres NICHTS.

Und genau deswegen sollte die Selbstfürsorge noch wichtiger sein als Zähne putzen, Geld verdienen, Spaghetti essen, wilden Sex haben (wobei nix davon verkehrt ist, und durchaus Teil der Selbstfürsorge sein kann.... ;-)).

Voraussetzung dafür ist, sich die wichtigen Fragen zu stellen: "Wer bin ich eigentlich?" - "Was spüre ich?" - "Wie geht es mir gerade?" - "Was brauche ich?" - "Was kann ich für mich tun?".

Und dann das nachzuholen, was die eigenen Eltern versäumt haben... das kann zur echten Lebensaufgabe werden.

Kommentare:

  1. Liebe Sofaheldin,
    jau..so isses. Ich hab derzeit ein Paradebeispiel von leerer Hülle und alles so machen, denken ect. das er meint das es mir gefällt. Ätzend ist das. Keine eigenen Bedürfnisse, kein sich selbst spüren, sondern nur nach mir ausgerichtet..ich könnt den jetzt (wenn ich fies wäre) ganz nach meinem Gusto erziehen. Krass oder? Hab ich nur keinen Spaß dran. Aber viele haben das mit mir gemacht und jetzt verstehe ich auch ein wenig den Grund dafür.
    Nunja aber Erkenntnis is der erste Schritt zur Besserung.
    Deswegen: Viel Erfolg und Glück beim sich selbst entdecken und erfühlen was man will ;)
    Meine Bedürfnisse sagten heut morgen: Duuu wir wollen raus, in die Natur..also werden die Stiefel geschnürt und der Rucksack gepackt.
    Liebe Grüße :)
    Frau Heller

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    1. Ui, frohes Wandern. Ich schätze mal, in Deiner Gegend gibt es dazu massig tolle Gelegenheiten! Ich geh gleich auch noch mal raus durch die Gegend stapfen ;-))).

      Einen schönen Tag wünsche ich Dir!

      Liebste Grüße
      Britta

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  2. Liebe Britta,

    es ist unglaublich, WIE PASSEND diese Worte gerade für mich sind. Ich bin wirklich sprachlos, weil es einfach nur stimmt, was Du schreibst und mir das Leben gerade das wieder zeigt - ich muss "einfach" nur den Widerstand loslassen.
    Ganz ganz großes, dickes Danke dafür.

    Fühl Dich ganz fest gedrückt!
    Glitzchen

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    1. Brauchst mir doch nicht zu danken ;-). Ich bin auch noch voll oft im Widerstand. Es wäre einfacher, ALLE Gefühle zu akzeptieren oder gar willkommen zu heißen. Wenn Traurigkeit und Angst auch okay sind, verlieren sie ihren Schrecken, oder? Das wäre auch ein großer Akt der Selbstfürsorge. Wir wollen ja alle, dass es uns STÄNDIG gut geht und wir am besten IMMER glücklich sind. Aber so läuft das im Leben nicht - das ist komplett an der Wahrheit vorbei. Also wäre es doch einfacher, auch mal zum Frust "HALLO" zu sagen ;-).

      Ich drück Dich auch! :-*

      Liebste Grüße
      Britta

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